„F“ wie „Funktionselite“, „v“ wie „verlieren“

Der (Kultur-) Hund liegt anscheinend nicht nur in mittelgroßen Städten begraben

Getrieben von Interesse und latentem Reisefieber, machte ich mich am 3.9.2014 auf den Weg, um am darauffolgenden Tag an einem Symposium des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin (#JDZB) teilzunehmen, der holden Hauptstadt des Landes wieder einen Besuch abzustatten und alte Freunde zu treffen. Das „Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen“ in Görlitz war zusätzlich Veranstalter für vertiefende Deutsch-Japanische Workshops in den kommenden Tagen, unterstützend waren japanische und deutsche Hochschulen, kooperierend auch Goethe-Institut und The Japan Foundation involviert. (s. hierzu: http://bit.ly/1ptCPIP)

Aufmerksam wurde ich auf dieses interessante Symposium mit dem vielversprechenden Titel “Kulturpolitik als Regenerations-Strategie für den demographischen Wandel in mittelgroßen Städten – Deutschland, Japan und Mitteleuropa im Dialog” lediglich, da ich seit Studienzeiten noch einen Newsletter der Institution abonniert habe. Das #JDZB ist bis dato weder über die Dialog-Tools Facebook, Twitter, YouTube noch bei Google+ im Rahmen selbst gepflegter Accounts anzutreffen. Ein Blog mit Gast-Autoren ist nicht existent.

Der ausschlaggebende Anreiz dabei zu sein, von Köln nach Berlin zu reisen, lag in den drei angeführten Programmpunkten der Veranstaltung, die ich hier an dieser Stelle wiedergebe:

1. Intensivierung des Austausches durch kurzfristige Kunstprojekte wie z.B. Festivals sowie die Neuentdeckung regionaler Ressourcen
2. Kulturelle und künstlerische Maßnahmen, die wirtschaftliche Impulse in den Regionen auslösen und damit zum Erhalt und der Weiterentwicklung kleiner und mittelgroßer Städte beitragen
3. Förderung von künstlerisch und kulturell engagierten Personen, das die Entwicklung kleiner und mittelgroßer Städte unterstützt.

(Quelle: http://bit.ly/1y8gZUr)

Über die Homepage des sächsischen Instituts ist das Thema der Veranstaltung vertiefend und anschaulich beschrieben. Bereits aus diesem Text gehen wertvolle Schlagwörter hervor, die beispielsweise als Hashtag (#) für den Gebrauch und das Auffinden in gängigen Social Media Kanälen hätten zum Einsatz kommen können ( #Agglomeritis, #braindrain, #Funktionselite etc.). Andere sinnvolle hätten vorab in Absprache mit den internationalen Teilnehmern transdisziplinär im Zuge von Seminaren, Workshops und  Konferenzen u.a. online generiert werden können.

Dieses Institut ist leider auch nicht in den sozialen Medien aufzufinden.

The Japan Foundation oder “Geht doch!”

Das in Köln ansässige Japanische Kulturinstitut | The Japan Foundation (#JKI_Koeln), beim Symposium vertreten durch Frau Kiyota Tokiko, hingegen ist zumindest bei Facebook vertreten. Hier wurden nachträglich relevante Einträge von 1970 bis hin zu heutigen eingepflegt. Über diesen aktiven Account ist  ermöglicht, Dialog zu führen und Feedbackkultur mit Interessenten an japanischer Kultur, dabei geographische und sprachliche Grenzen überwindend, nachhaltig zugunsten beider Seiten zu gewährleisten (Sender ←→ Empfänger). Einbindung von Ton- und Bildmaterialien bereichern auch hier die Präsenz des Accounts. Somit kann Austausch betrieben und intensiviert, können Impulse jedweder Art gesetzt, und könnten letzten Endes auch künstlerisch und kulturell engagierte Personen gefördert und zur Erreichung eines Ziels unterstützt werden. Hier ist Möglichkeit zum Austausch im Rahmen anderer einbindbarer Social Media – Plattformen gegeben, ältere Informationen sind im Nachhinein auffindbar, bzw. man kann auch hier noch Bezug auf diese nehmen und sich weiter in seine Interessen vertiefen. (#Digitalisierung | #Archivierung)

Finanziell bedingter Anachronismus?

Es sind nun einige Wochen vergangen, noch immer bin ich an Teilaspekten der Thematik interessiert. Gern würde ich mich mit den dargebotenen Präsentationen des Symposiums und wiederholend und vertiefend auseinandersetzen. Einige der japanischen Redner hatten anscheinend wieder vor, neue Rekorde in Folienanzahl im Zeitrahmen ihres Beitrages zu brechen. Sie barsten vor Tatendrang und legten eine aberwitzige Geschwindigkeit zwischen Worten und Folien an den Tag, um alle ihre erarbeiteten Informationen dem geladenen Publikum zu präsentieren. Die Dichte an Informationen war jedenfalls beachtlich, während der Vorträge wurde simultan übersetzt. Ausgestattet mit einem externen Ladegerät für mein Mobiltelefon, war der Tatendrang zum Twittern meinerseits zu Beginn der Reise gesetzt, doch es allein zu tun machte wenig Sinn. Ich sah wohl einige Besucher mit Handys im Publikum, nahm allerdings niemanden wahr, der emsig Berichterstattung damit betrieb. Von meiner Frage zur abschließenden Diskussionsrunde, ob denn zumindest irgendjemand der jüngeren Teilnehmer für die Veranstaltung twitterte oder das #JDZB über erweiterte Präsenz im Internet zur Bereicherung der hiesigen und internationalen Kultur- und Wissenschaftslandschaft nachdenke und schnellstmöglich beitragen wolle, sah ich letzten Endes ab.

Im Laufe des Tages ließen sich vielfältige, wenn auch kurze Gespräche führen. Darunter auch offene mit Mitarbeitern des Japanisch-Deutschen Zentrums,  japanischen Studenten und anderen Japanologen. Der Tag endete mit einem Buffet und einem intensiven Gespräch, in dem die Worte “Praktika” und “befristete Vertragslaufzeiten”, sowie Unverständnis für die Lage in den Wissenschaften allgemein erneut auch an dieser Stelle zum Vorschein kamen.

Wissen schaffen ohne Nutzung der längst vorhandenen Möglichkeiten, werte Wissenschaften?

Warum wurde das Symposium nicht aufgezeichnet, wieso im Jahr 2014 immer noch kein Kanal bei YouTube (The Japan Foundation HQ geht mit gutem Beispiel voran!) für bisherige und zukünftige Veranstaltungen eingerichtet? Wie sieht es mit Dokumentation und Archivierung der dargebotenen Inhalte für die Öffentlichkeit aus? Angegeben wurde, dass finanzielle Engpässe, somit also auch personelle, dies bedingten.

How can music, theater, dance and the fine arts create opportunities for medium-sized cities to counteract the brain drain of young professional and retain these elites themselves? What are the contents and formats of art and culture that are required by medium-sized cities in Germany and Japanese cities to address this challenge? What institutions are needed, and which have outlived their usefulness? These and other questions will be discussed in a three-day workshop in Görlitz and a one-day discussion forum at the JDZB.

(Quelle: http://bit.ly/1wdVEpw)

Man lasse sich die Fragestellung “What institutions are needed, and which have outlived their usefulness?” in diesem Kontext auf der Zunge zergehen, bzw. weiter durch die Synapsen geistern. Zudem einige Male der Aufruf “Weg von der Institutionalisierung, hin zu den Grassroot-Bewegungen” herauszuhören war, wirkt dies umso befremdlicher, denn hier ist Social Media längst unumgänglich und genutztes Tool.

Auf  vertane Chancen im Laufe der Veranstaltung habe ich bereits verwiesen, doch schon bei der Vorbereitung eines solchen Treffens internationaler Studenten und ausgebildeter Wissenschaftler, Künstler und aller anderen Interessenten, hätte sich der Einsatz von Social Media zum Austausch von Informationen als fruchtbarer Nährboden erweisen können.

Wo bleibt sie nun die allseits beliebte “Nachhaltigkeit” (#buzzword), wo der selbst erwähnte und wichtige “Dialog”? – Und stehe ich mit diesen Fragen und meinem Interesse eigentlich allein da?

Im Gespräch wies ich selbstverständlich auf die Bedeutsamkeit der im Laufe des Tages vorgestellten Präsentationen hin. Dabei hatte ich einen Appell zum Upload der Folien seitens der Vortragenden (http://de.slideshare.net) nach eindringlichem Aufruf des #JDZB im Sinn. Zugesagt wurde mir am Ende, diese nach Sendung einer Erinnerungsmail über einen Link zum Dropbox-Service zur Verfügung gestellt zu bekommen. Dies habe ich mittlerweile wiederholt und freundlich getan, habe jedoch bis dato entsprechende Materialien nicht bei der Hand. Im Nachhinein sehnt man sich da doch langsam wieder nach einem gedruckten Handout zurück.

Im Gespräch hatte das Engagement des Einzelnen jeweils ein Gesicht, doch wo bleibt die Nachfrage am Tagesgeschehen im Nachhinein? Wie sehen es die anderen Teilnehmer aus Kunst, Kultur und Wissenschaften, die ihre Zeit aus verschiedenen Gründen für dieses Event aufgebracht haben? Wo sehe ich ihre Ideen, Kritik und Fragen, doch vor allem wann? Auf welcher Basis soll zukunftsfähig weiterer Austausch betrieben werden, wenn weiterhin die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird und keine Möglichkeit zur Diskussion gegeben ist?

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Anmerkungen d. Verfassers:
Definition „mittelgroße Städte“: Mittelstadt ist ein Ausdruck für die Klassifikation einer Stadt mit mindestens 20.000 und höchstens 100.000 Einwohnern.

Die Hashtags #JDZB und #JKI_Koeln sind exemplarisch meinerseits selbst gesetzt.

 

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5 Gedanken zu „„F“ wie „Funktionselite“, „v“ wie „verlieren“

  1. Passend zum Inhalt des Beitrags, wenn auch etwas reißerischer Aufmacher Wie die Wissenschaft „verfacebookt“. Interessant, da es u.a. um BigData@Wissenschaftskulturen geht.

    Big Data wird auch in der Wissenschaft immer wichtiger, etwa bei den Digital Humanities. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

    Bei den Digital Humanities geht es einerseits darum, der Öffentlichkeit Wissensbestände der Geistes- und Kulturwissenschaften online zugänglich zu machen. Damit verbunden ist die Hoffnung eines Demokratisierungsschubs, da Wissen nun für alle niederschwellig verfügbar ist. Außerdem stellt es aufgrund des computergestützten Vermessens den Anspruch auf mediale Objektivität.

    Das komplette Interview ist hier zu finden:http://science.orf.at/stories/1748599 .

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  2. Zwei Tweets seitens Patrick Zoll, Ostasienkorrespondent bei der Neuen Züricher Zeitung, nehmen Bezug auf die Sogwirkung der Metropole Tokyo und die Auswirkungen auf die ländlichen Gebiete Japans:

    Über den Fluch von Tokio, habe ich vor kurzem hier geschrieben: http://t.co/3ECQkBTGrH
    — Patrick Zoll (@PZoll) November 24, 2014

    Konkreter hier ein schönes Beispiel zum Erhalt der regionalen Unterschiede im Bereich #washoku (Japanische Küche):
    Local Branding in Rural Japan | Justin Potts

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