„M“ wie „meepurusutoriito“, „e“ wie „einrichten“

Das erste, was sich nach kürzester Zeit in meinen neuen Haushalt auf Zeit einfinden sollte, war ein Kühlschrank. An diesem befestigte ich einige dieser Magneten mit Wortfetzen aus einer der unsäglichen Abteilungen eines bekannten deutschen Buchladens. Im Vorbeigehen oder sinnierend mit einer Tasse Kaffee in der Hand davor stehend, riefen mir diese in den kommenden 18 Monaten immer wieder ein kurzweiliges Heimatgefühl aus vergangenen Tagen in Erinnerung.

Doch ich bin zu schnell.

Binnen drei Monaten verschlug es mich 2009 nach Japan. Hier liegt nun irgendwie die falsche Wortwahl vor, denn es war ja zum damaligen Zeitpunkt meine freie Entscheidung. Eine Entscheidung, die sich letzten Endes leichter treffen ließ, als im Rahmen meiner zudem recht kurzen Bedenkzeit seinerzeit zu erahnen war. Es stellte für mich eine Flucht nach vorne dar. Demselben Job nun endlich in Festanstellung auf akademischer Ebene und angemessen bezahlt nachgehen zu können, klang mehr als verlockend und stand der weiteren Ausübung eines prekären Beschäftigungsverhältnisses in Deutschland gegenüber. Jeweils in unterschiedlichen Präfekturen des Landes hatte ich zuvor bereits einen einjährigen Aufenthalt als Austauschstudent hinter mir, ebenso ein Praktikum. Mit einem Arbeitsvisum ausgestattet, stand der Ansammlung von weiteren Kenntnissen und Fähigkeiten für den Lebenslauf nicht mehr viel im Wege. Der anstehende Aufenthalt sollte mich bis zum Frühling 2011 in der Stadt Kanazawa in der japanischen Präfektur Ishikawa verweilen lassen. Unbekanntes Terrain, zu entdeckender Raum. Im mehrfacher Hinsicht auch wieder neues #Raumgefühl.

Um den 20. September 2009 landete ich auf dem Flughafen Komatsu, wo mich zwei zukünftige Kollegen in Empfang nahmen. Es folgte eine circa einstündige Fahrt mit dem Auto zum Gasthaus der Universität Kanazawa, in dem ich die Nächte bis zum Start des Semesters im Oktober verbringen sollte. Ohne zu wissen, dass auch dies länger dauern würde und zudem kostenpflichtig war, ließ ich mir für die ausstehende Wohnungssuche eher Zeit als mir Druck zu machen. Das Ende vom Lied waren einige schnellstmöglich arrangierte Besuche von studentischem Wohnraum im japanischen Sinne, in denen ich mich jedoch nicht für die Dauer meines Aufenthaltes sah. Ich rechnete fest mit Besuchern, wollte zudem nicht in einer schlechteren Wohnsituation als zuvor meinen neuen Lebensabschnitt verbringen. Die Lage der Universität am Fuße der Berge machte im goldenen Oktober noch einen optisch wunderbaren, naturnahen Eindruck, der mich am Ende der Suche eine nahe liegende Wohnung zum Campus bevorzugen ließ. Hierbei handelte es sich allerdings auch um eine Wohnung, die für zwei Studenten vorgesehen war und sich in einer Immobilie befindet, die der Universität gehört. Meine getroffene Wahl stellte sich für den langen Winter und die lange Regenzeit als richtig, für mein weiteres Leben in den Folgemonaten im Nachhinein als falsch heraus. Die öffentlichen Nahverkehrsmittel, die den Campus und meinen Wohnort mit der Stadt verbinden, waren während des Semesters gnadenlos überfüllt, dem Aussehen nach außerdem noch Busse vom Ende der ’80 Jahre des letzten Jahrhunderts. Am Wochenende fuhren diese maximal einmal stündlich ins Zentrum, für einen westlichen Zugezogenen zudem in den Abendstunden nicht lange genug wieder zurück gen Wohnort.

Womit wir endlich wieder beim eingangs erwähnten Kühlschrank angekommen sind.

Dem kühlenden Vorratslager folgten ein ausgeliehener Gaskocher, ein neu gekauftes Futon mit Bettzeug und Kissen, ein Regal und ein bisschen Dekomaterial, da ich weder Beige- noch Brauntönen jenseits der Natur, bzw. hergestellt aus natürlichen Materialien, etwas abgewinnen kann. Mein erstes Gehalt ließ noch auf sich warten, mein letztes Erspartes ging rapide zur Neige, das Gasthaus kostete. – Ich musste mich klein halten und mir Geld von einem Kollegen leihen. Das Semester rückte immer näher, doch ich sah diesem gelassen entgegen, denn ich hatte glücklicherweise meine Bialetti-Kaffeekanne vor Ort, an der ich sehr hing. Bei meinen Spaziergängen in der Nachbarschaft entdeckte ich im Laufe der Zeit einen hiesigen Markendiscounter mit angeschlossenem Einkaufszentrum, zudem das KAHMA Homecenter, einen großen Baumarkt, sowie den japanischen IKEA-Verschnitt namens Nitori. Mithilfe dieser gestaltete ich anfangs über viele Wochenenden hinweg meine Freizeit und meinen Wohnraum. Meinem Balkon galt, zumindest für die wenigen trockenen und nicht zu heißen Stunden vor Ort, mein Hauptaugenmerk. Für den Anfang erwiesen sich zur Einrichtung ein aus Deutschland mitgebrachtes Taschenmesser und ein Inbusschlüsselsatz  als ausreichend. Woher Schraubendreher zu bekommen waren, hatte ich ja fix herausgefunden. Poster, an denen mein Herz hing, oder andere Kleinigkeiten für Alltag und das Büro hatte ich postalisch vorab an die Uni senden lassen, so dass diese sich dort bereits in meinem Büro befanden. So hielt auch der Düsseldorfer Künstler Heiko Beck Einzug in meine Wohnung, ebenso anderes, was sich im kommenden Video oder Bildern sehen lässt.

Hier kann man es nun schon gut erkennen: Die klimatischen Bedingungen und die Bausubstanz des Gebäudes aus den ’90ern Jahren stellten mich vor einige Herausforderungen. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so wie in dieser Wohnung gefroren oder geschwitzt zu haben. Im zweiten Video blinkt es einmal unter meiner Schlafstätte hervor. Diese war ein Konstrukt aus mehreren Schichten und bestand aus einer dünnen isolierenden Matte als Grundlage, einem darüber liegendem Heizteppich, einem Futon, einer dickeren Baumwoll-Decke und einer weiteren synthetischen, die ich in den Wintermonaten ebenso obenauf legte. Dazwischen lag ich dann ebenso warm gekleidet, fror oft dennoch. Beide der größeren Wohnräume hatten Klimaanlagen, die im Winter laut Anzeige auch 20 Grad + hervorbrachten. Doch die Anbringung in Deckenhöhe in Kombination mit der Tatsache, dass warme Luft nach oben steigt, wärmten auch bei geschlossener Tür nicht den Rest des jeweiligen Raumes. Das morgendliche Kondenswasser, das sich in den kalten Wintermonaten hinter den Vorhängen bildete, ließ mich Lappen immer auswringen, nachdem ich die grobe Arbeit mit einem Wischer erledigt hatte. Im Sommer kühlten die Klimaanlagen wiederum so gut, dass ich mich meist gegen deren Einsatz entschied, was mich anscheinend vor einigen grippalen Infekten bewahrte. Ich öffnete lieber gelegentlich die Türen und Fenster, was mir häufig fragende Blicke der Nachbarn einbrachte. Auch was die Nutzung und Gestaltung meines Balkons anbelangte hatte ich einige lustige Gespräche über die Zeit hinweg. Küche und Bad hatten keine Klimaanlagen, Heizungen sind in kaum einer japanischen Wohnung zu finden. Der Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt das Warenangebot an externen Heizgeräten diverser Art, die unter Einsatz von Kohle, Gas und Elektrizität begrenzt Wärme erzeugen. Gegen Ende des Frühjahrs ist dann gleicher Raum in den entsprechenden Abteilungen elektrischen Gerätschaften zur Kühlung des Wohnraums vorbehalten.

Das Gebäude, in dem ich wohnte hatte übrigens den Namen „Meepurusutoriito“ (Maple Street | Ahornstraße). In der japanischen Silbenschrift Katakana, die ich hier in lateinischer Umschrift wiedergab, doppeln sich die Vokale zur längeren Aussprache. Wie sich daraus dann jedoch dieses entwickeln konnte, wird für immer Geheimnis des Machers bleiben:

Die wenigsten Straßen in Japan haben Namen, einige Ausnahmen in den Metropolen der japanischen Ballungsräume bestätigen die Regel. Meist dienen Gebäudenamen als Zusatz zur Postadresse, um es auch den Briefzustellern ein wenig leichter zu machen. Zwei der einprägsamsten Namen, die ich auf einer meiner Radtouren plötzlich vor mir sah, lauten „First Leben“ und „Laputa II“.

Japan. Dort entdeckte ich Raum, richtete und nahm ich Raum ein, ich entdeckte ihn. Ich hoffe, ich konnte euch durch meinen Post hier auch ein wenig an meinem #Raumgefühl teilhaben lassen. Wer noch nicht genug hat, dem sei hiermit ein Artikel aus der ZEIT ONLINE empfohlen, in dem es sich um den Hang der Japaner zum steten Neubau dreht. Die Kommentare unter dem Artikel unbedingt mit in die Lektüre einbeziehen.

 

 

Der heutige Post ist mein Beitrag zur Blogparade von Anett Ring | @stadtsatz zum Thema “Raumgefühl: Architektur denken”, die noch bis zum 1.3.2015 verlängert wurde. Es haben sich schon viele interessante Beiträge angesammelt, doch alle bis dato Beteiligten freuen sich auf weitere! #Raumgefühl

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