„Z“ wie „Zugang“, „m“ wie „mitgestalten“

Sie trank den Whiskey meist 水割り | mizuwari, d.h. mit Wasser und oft auch Eiswürfeln. Eine rauchige, markante Stimme und dementsprechend scheppernde Lache ließen weitere Anwesende oft staunen und direkt mit einstimmen. Als Energiebündel und Arbeitstier konnte sie den männlichen Firmenangehörigen, die abends mit uns in der Küche zusammen aßen und tranken, geradeaus ihre Meinung sagen. Das alles, während selbstgemachte Hausmannskost, ab und an auch teures Sushi für alle, zwischen den Bieren gereicht wurden und diverse Zigarettenschachteln zur Neige gingen.

Ihr und ihrem großen, verrußtem Herzen verdanke ich Vieles. Ohne Sie und ihre Anstrengungen mich, den langhaarigen, jungen Deutschen mit Ohrringen verstehen zu wollen und mich zu unterstützen, hätte ich einige Momente nicht meistern können. Durch lange Abende und gemeinsam verbrachte Zeit, verstanden wir uns über die Zeit meines Aufenthaltes immer besser. Wir schlossen uns gegenseitig ins Herz. Einige Male führten uns unsere Ausflüge in einen Teil der Metropole, den sie immer wieder liebevoll als ihren Geburtsort hervorhob. Damit stand sie nicht allein da. Auch ihr Mann tat dies bei jeder Gelegenheit. Die Bindung wurde auch gern mit dem Ausdruck 江戸っ子 | Edokko unterstützt und durch das Wort 下町 | shitamachi in meine Gehörgänge getragen.

An einem dieser Tage gingen wir wie nebenbei in eines der hiesigen Geschäfte, das ich danach immer wieder aufsuchte, wann auch immer es mich nach 浅草 | Asakusa, einem der 23 Bezirke im Ballungsraum Tokyos, verschlug. Es ist ein Geschäft, in dem sich alles um das vergängliche Material Papier dreht. Seit ich diesen Laden dort zum ersten Mal betrat, sind Farben, Muster, Gerüche und haptische Eindrücke dieses alten Mediums in meinen Synapsen verankert und ich kann von 和紙 | washi und seinen Facetten nicht genug bekommen.

Mindmap KultDef
Meine ersten Gedanken zur Blogparade #KultDef von T. Praske auf Papier.

In diesem Moment, nach dem Einsetzen des Bildes in ein Content-Management-System, führe ich es auch mir noch einmal vor Augen: Ich will das Wort mit dem Konsonanten K am Anfang nicht noch weiter aufdröseln oder wissenschaftlich deuten. Das habe ich hinter mir, es hat Spaß gemacht, es war während meines Studiums. Ich versuche, den Ausdruck nicht zu nutzen, bis ich den Verweis auf die Blogparade von Tanja einbauen werde. Was ich gern mache ist, durch diesen Beitrag über das Medium Internet eine weitere Brücke zu einem ursprünglicheren herzustellen. Damit trage ich (m)einen Teil zum allseits lesbaren „Digitalen Wandel“ bei, (über-)liefere meine Erfahrungen und teile meine Eindrücke zum Thema mit anderen Lesern. Zwar nutze ich auch hier wieder meine Hände, doch was ich wirklich zu schätzen weiß, ist die Tatsache, dass es immer noch einige Japaner gibt, die diese alte Kunsthandwerk betreiben und auch meistern. Es sind selbstverständlich weniger geworden, da es sich meist um entlegene Ortschaften außerhalb der Metropolen handelt, an denen Wasservorkommen und Wasserqualität eine wichtige Rolle bei der Herstellung spielen. Sich als junger Mensch auf solch ein Leben einzulassen und einzustellen, ist eine Herausforderung und man muss auf einiges an Luxus verzichten können. Einem jungen Künstler ist gelungen, den Bogen zwischen Papierherstellung, der Grundlage für seine weiteren Kunstwerke, und der Außendarstellung via Internet und einem Social Media Kanal zu spannen. Hier kann man sich einen wunderbaren Eindruck von dem mühsamen Weg von der Pflanze zum fertigen Bogen Papier verschaffen. Cool gemacht ist es nebenbei auch noch:

Mühsames, aufwendiges Prozedere für ein wertvolles Stück traditioneller Handarbeit. Auch hier handelt es sich wieder um einen Hybriden aus über Jahrhunderte hinweg angereichertem Wissen, dass von China über Korea nach Japan kam. Dort erst entdeckte ich es als Austauschstudent 2002-2003 für mich, konnte die Fasern aber erst zwischen 2009-2011 wieder aufgreifen und weiter verfolgen. Dieses Mal war ich nicht in Kanto, sondern Hokuriku. Nachdem ich mich eine Weile wieder eingelebt hatte, neue Bekanntschaften geschlossen hatte, kamen so Möglichkeiten zustande, selbständige Papiermacher und bekanntere Manufakturen zu besuchen und mir vor Ort selbst einen Eindruck vom Herstellungsprozess zu verschaffen. Allein die Anreise war teilweise recht abenteuerlich, was für mich aber den Reiz noch erhöhte.

Man sieht es bereits an unserer Kleidung: Es war Winter und kalt. Auch das Wasser zur Herstellung hatte die entsprechende Temperatur, die dicken Socken in den Gummistiefeln halfen auch nicht sonderlich viel. Grünen Tee habe ich einigen an diesem Tag getrunken. Meine ersten Versuche waren alles andere als zufriedenstellend. Sie wurden höflich gelobt und meine unbeholfene Art und Weise lächelnd untermalt. Doch es war genau richtig, um einen Eindruck des Herstellungsprozesses zu erhalten. Die letzten beiden Bilder zeigen einen weiteren Schritt zur Gestaltung des noch nassen Papiers. Es wird eine Handbrause und eine vorgefertigte Schablone genutzt, um dem Papier durch den Wasserdruck noch einen optischen Effekt zu geben. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Es kann auch im wahrsten Sinne des Wortes ein Wasserzeichen für den jeweiligen Hersteller sein. Meine fertigen Papierbögen habe ich nicht mehr, sie wurden schnell als Geschenk verwendet.

Das eigentlich faszinierende sind die unterschiedlichen Endergebnisse in der Papierherstellung, u.a. die Struktur und der individuelle Charakter, der durch oftmals geheimgehaltene Materialien oder Gestaltungsvarianten das Aussehen der fertigen Bögen ausmachen. Lokale Farbgebungen, spezielle Färbetechniken oder das Auftragen von traditionellen Pattern aus der Geschichte der Manufaktur, der Gegend, in der diese ansässig ist, zudem geschichtsträchtige Motive, die eng mit der Landesgeschichte Japans einhergehen, bringen eine unendliche Vielfalt hervor.

Japanisches Papier wurde 2014 zum Weltkulturerbe erklärt.

Die Erhaltung der Tradition, das Wissen um die Herstellung, sowie die Weitergabe der erforderlichen Kenntnisse an eine neue Generation von Interessierten weiterzugeben, kann durch das Teilen von Informationen im klassischen Sinne durch Print oder auf digitale Weise erreicht werden.

Das Machen, die wunderbaren Aha-Momente, die man nur durch das Nutzen der eigenen Hände im Herstellungsprozess erlangen kann, sind auf diese Art und Weise nur durch Worte zu beschreiben oder abbildbar. Letzten Endes gilt hier,  Zugang zu Wissen zu schaffen und zu erhalten. Die Weitergabe ist durch das Internet eine andere, eine schnellere geworden.

Durch das Einbringen von Natur, bzw. eines natürlichen Materials und eines traditionellen Mediums, habe ich hier versucht, meine Auffassung von Kultur vermitteln. Die Geschichte drumherum hat dabei hoffentlich auch ein bisschen geholfen.

„Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“

(T. Adorno | „Culture Club“ | Suhrmann)

Nun noch rasch etwaige Kanäle mit dieser Geschichte füttern und auf die großartige #Blogparade von Tanja Praske verweisen, die den Titel „Kultur ist für mich…“ trägt und vom Hashtag #KultDef die digitale Kultur um einige Eindrücke bereichert.

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4 Gedanken zu „„Z“ wie „Zugang“, „m“ wie „mitgestalten“

  1. Oh, wie wunderbar – danke für diesen lebendigen Post zu #KultDef. Du hast mich erwischt, an die Hand genommen und grandios begleitet – was für ein tolles Thema!

    Analog meets digital!

    Das Video ist auch fein, ich musste lachen, als er sich umdrehte und ich hinten im „Gürtel“ das Smartphone stecken sah – genial gemacht!

    Bin jetzt richtig beschwingt und setze mich nun an meinen eigenen Beitrag zu #kultDef – bei mir geht es nach Frankreich, ein Studienjahr, das etwas länger zurückliegt 🙂

    Sonnige Grüße aus München
    Tanja

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für das fixe, fulminante Feedback, Tanja!

      Dein Aufruf zur #Blogparade mit dem Thema war eine Steilvorlage, mir wieder einige Momente in Erinnerung zu rufen und ein paar meiner Wünsche wieder zu beleben.

      Zeit vergeht leider immer sehr schnell, Fernweh allerdings nicht. Wäre nun gern wieder einmal länger in Japan, um noch mehr zu entdecken und auch auszuprobieren.

      Zu Frankreich fallen mir meine dahinschwindenden Sprachkenntnisse und der anstehende Sommerurlaub ein. Doch Moment: Köln, Wahlheimat, Sommer…

      Herzliche Grüße aus dem Rheinland

      Sven

      .

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